Balkenmangel, na und???
  Die Gedurt
 


Mit Blaulicht und alten Bekannten
14.07.2007

Meine Schwangerschaft verlief absolut unauffällig. Meine Tochter lag in der Schädellage, und ich war einfach nur froh, dass alles so unkompliziert schien. Doch als der errechnete Entbindungstermin kam, passierte: nichts. Meine kleine Tochter hatte es überhaupt nicht eilig, auf die Welt zu kommen.

Als sie eine Woche überfällig war, schlug meine Frauenärztin einen Wehenbelastungstest vor. „Können wir das am Samstag machen?“, fragte ich sie. „Da ist mein Mann zu Hause und ich muss nicht alleine fahren.“ Gesagt, getan.

Am Samstagmorgen um zehn Uhr kamen wir im Krankenhaus an. Die Hebamme untersuchte mich und schüttelte den Kopf: „Einen Wehenbelastungstest mache ich bei Ihnen nicht, das halten Sie gar nicht aus. Sie haben nämlich schon von alleine Wehen.“ Ich hatte tatsächlich schon seit dem Morgen ein leichtes Ziehen bemerkt. Die Hebamme drückte mir homöopathische Globuli in die Hand und gab meinem Mann einen guten Rat: „Gehen Sie mit Ihrer Frau ein bisschen im Park oder in der Fußgängerzone spazieren.“

Kaum war die Hebamme aus dem Zimmer, sah mein Mann mich an und sagte trocken: „Ich gehe mit dir ganz bestimmt nicht in die Fußgängerzone, wenn du jetzt schon alle zehn Minuten auf dem Boden in die Hocke gehen musst!“

Also fuhren wir wieder nach Hause. Dort begann mein ganz persönlicher Marathon: Badewanne, Bett, Badewanne, Bett. Rein ins warme Wasser, wieder raus aufs Bett, wenn es nicht mehr auszuhalten war, und wieder zurück. Irgendwann am Nachmittag stieg ich wieder aus der Wanne – und genau in dem Moment platzte die Fruchtblase.

Ich landete auf dem Badezimmerboden, fing mein Gewicht mit einem Arm nach hinten ab und wusste sofort: Ich kann mich keinen einzigen Millimeter mehr bewegen. Jede Bewegung war unmöglich. Mein Mann stürzte herein. Obwohl ich vor Schmerzen kaum noch sprechen konnte, verstanden wir uns ohne Worte. Er rief auf der Entbindungsstation an. Dort gab es inzwischen einen Schichtwechsel, und die neue Hebamme fackelte nicht lange: „Rufen Sie sofort einen Krankenwagen. Die sollen Ihre Frau herbringen.“

Kaum hatte mein Mann aufgelegt und den Rettungsdienst alarmiert, klingelte das Telefon erneut. Es war wieder die Hebamme: „Falls es jetzt schon losgeht, bevor der Wagen da ist, rufen Sie mich sofort an! Ich gebe Ihnen dann Anweisungen.“

Ich sah meinen Mann an und dachte nur: Oh Gott, bitte kipp mir jetzt nicht um! Er war schlagartig weißer als die die Wand hinter ihm im Badezimmer. In seinem Kopf spielten sich dramatische Filmszenen ab – er dachte panisch an kochendes Wasser und Berge von Handtüchern. Aber er hielt durch.

Und dann kam die Rettung, und mit ihr der wohl skurrilste Zufall des Tages: Aus dem Rettungswagen stiegen zwei Sanitäter, mit denen mein Mann damals zusammen seinen Zivildienst geleistet hatte! Plötzlich stand meine Geburt im Schatten von alten Zivi-Geschichten und großem Hallo im Badezimmer.

Die beiden sahen mich an und fragten: „Wo fahren wir denn hin?“ Wir nannten unser Wunschkrankenhaus – das mit dem unterirdischen Tunnel zur Kinderklinik. Die Sanitäter schüttelten die Köpfe: „Das schaffen wir nicht mehr. Wir schaffen nur noch das allernächste Krankenhaus.“ Aber wir blieben stur und bestanden auf unsere Klinik.

Also wurde ich auf einem Tragestuhl die Treppe hinuntergetragen. Und dann ging die wilde Fahrt los: Mit Blaulicht, Tatütata, dem Baby-Einsatz-Schild vorne an der Scheibe und mit 160 Kilometern pro Stunde rasten wir unserem großen Abenteuer entgegen.

Während mein Mann und unsere große Tochter mit unserem eigenen Auto dem Rettungswagen hinterherjagten, wurde ich im Krankenhaus sofort auf die Entbindungsstation gebracht. Es ging alles rasend schnell. Die Hebamme warf nur einen kurzen Blick zwischen meine Beine und rief: „Sofort pressen!“

Es war keine Zeit für langes Vorbereiten, das Baby wollte jetzt auf die Welt. Meine große Tochter stand an den Schränken im Kreißsaal und schaute sich das Ganze mit großen, staunenden Augen von der Seite an. Mein Mann blickte von der anderen Seite zu mir, wich nicht von meiner Seite – und ich hielt seine Hand so unbarmherzig fest, dass sie ihm danach wahrscheinlich fast abgefallen wäre.

Die Hebamme war einfach großartig. Sie reagierte goldrichtig und massierte mir während der Geburt den Scheidenausgang, um Platz zu machen. Und dann geschah es: Das Köpfchen kam zum Vorschein. Für einen kurzen Moment hielten wir alle den Atem an, denn das kleine Gesicht lag direkt auf der Unterlage. Meine große Tochter geriet kurz in Panik und dachte: Oh Gott, sie wird doch ersticken, wenn sie so liegt!

Doch im nächsten Augenblick war die Erleichterung riesengroß. Meine kleine Tochter tat ihren allerersten Atemzug und gab ihren ersten Ton von sich. Der schönste Klang der Welt. In diesem Moment fiel alle Anspannung von uns ab, und wir haben uns einfach nur unendlich gefreut.


 
  Heute waren schon 89 Besucher (258 Hits) auf meiner Homepage! Dankeschön :))